Atlantikreise 2. Teil

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, am Ende des ersten Tages auf hoher See. (Wenn man von den Kanaren losfährt, ist man ja praktisch sofort auf der richtig “Hohen See”).

Jedenfalls ließ die Startanspannung langsam nach und es trat die Ruhe des ersten Hochsee-Segelabends ein.

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Die Nacht war ruhig. Ringsherum sah man noch viele andere Yachten, einem teilweise sogar direkt vor der Nase kreuzten, aber die Wachen waren ja mit zwei Mann besetzt, sodass alles problemlos ablief. Wunderschön war dann für alle (die nicht wachfrei hatten und schliefen) der erste Sonnenaufgang auf dem Meer.

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Frühstück draußen mit neun Mann Crew ist schon ein bisschen eng, aber es geht. Wie man sieht, geht es uns verpflegungsmäßig noch ziemlich gut.

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Noch haben wir jede Menge Frischprodukte: Fleisch, Gemüse, frisches Brot und vieles mehr. Natürlich wird das im Laufe der Wochen weniger. Als erstes geht das frische Brot aus, dann das Fleisch und die weniger haltbaren Gemüse. Leider haben wir einige Sachen auch wegwerfen müssen, weil sie entgegen den Erwartungen doch nicht lange gehalten haben. Aber, wie gesagt, noch können wir aus dem vollen schöpfen. Das muss auch, denn neun erwachsene Männer an frischer Luft und mit körperlicher Arbeit entwickeln einen mächtigen Appetit.

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Das Wetter war diesmal ziemlich ungewöhnlich. Alles sprach dafür, die Reise sehr weit im Norden angehen zu lassen, was wir auch taten. Leider waren wir (im Gegensatz zum Sieger, der auch diesen Kurs steuerte) dafür nicht schnell genug, und wir gelangten statt in anständigen Wind in eine ausgedehnte Schwachwindzone. Erst nachdem wir eine neue Wetterberatung an Land eingeholt hatten und dann doch weiter nach Süden steuerten, wurde es besser.

Schlecht war dieser schwächere Wind aber auch nicht, da er uns verschiedene Vergnügungen ermöglichte, die man als Segler ja auch nicht immer hat, wie zum Beispiel ausführliches Spinnakersegeln.

 

Das machte uns am Anfang doch einen ganzen Haufen Arbeit, da die Crew mit dieser Art von Segel wenig bis keine Erfahrung hatte. Diejenigen, die schon mal Spi gesegelt hatten, waren drastisch kleinere Tücher gewohnt. Wenn man dann in die Größenordnung einer Drei-bis Vierzimmer-Wohnung kommt, hat das Ganze dann doch eine andere Qualität.

Hat aber Spaß gemacht und ist einfach auch ein toller Anblick.

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Nachts haben wir aber aus Sicherheitsgründen das Ding immer geborgen und sind unter ausgebaumter Genua gefahren.

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Irgendwann schlief der Wind aber dann doch komplett ein, sodass wir anderen Vergnügungen näher treten konnten. Baden Tausend Kilometer vom Strand und auf 4.000 Meter Wassertiefe hat man ja auch nicht alle Tage. Das Wasser hatte hier schon um die 24 Grad und wurde im Laufe der nächsten Wochen immer wärmer.

Allein waren wir auch nicht, relativ häufig hatten wir – auch für längere Zeit – Begleiter der verschiedensten Art, wie zum Beispiel diese hier.

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Obst hatten wir ja nach ein paar Tagen immer noch genug, wie man sieht

 

 

 

 

 

 

Aber das Fleisch ging langsam dem Ende entgegen. Das lag unter anderem daran, dass wir natürlich die zwei vorhandenen Kühlschränke nicht die ganze Zeit durchlaufen lassen konnten. Trotz 200 Watt zusätzlicher Solarpower mussten wir täglich für einige Zeit die Maschine laufen lassen, um die Batterien nachzuladen.

Aber Fleisch ist ja nicht das einzige frische, was man essen kann. Wenn wir schon an der Quelle sitzen, ist natürlich auch Fisch angesagt. Also wurde fleißig geangelt – und im Gegensatz zu vielen anderen Törns von mit auch reichlich was gefangen:

 

 

 

 

 

 

 

Wie zum Beispiel diese fette Dorade von mehreren Kilo:

Über das, was danach kommt, bis der Fisch dann auf dem Tisch ist, decken wir mal den Mantel des Schweigens, das ist nicht jedermanns Sache. Auf jeden Fall war Fisch eine erhebliche Bereicherung unseres Speiseplans.

Zur täglichen Routine gehört natürlich auch die Körperpflege. Auch das geht natürlich auf dem Atlantik anders als zuhause oder in Regionen, wo man jeden Abend in einem Hafen liegt.  Süßwasser ist ja rationiert, also duscht man per Hand und mit Salzwasser.

Das System wurde im Laufe der Wochen verfeinert durch den einsatz eines Dusch-Assistenten, der den Duschenden fleißig mit mehreren Eimern Wasser begoss.

Aber nicht immer war es so still. Irgendwann kam dann der Wind, und zwar teilweise so kräftig, dass man deutlich gerefft raumschots segeln musste.

  Gottseidank war ich ja mit einer ganzen Reihe von Technikern und Ingenieuren unterwegs. Das hilft sehr, wenn mal was kaputt geht oder was zu montieren ist. Aber auch für Probleme des Alltags sind Ingenieure brauchbar. Zum Beispiel wenn der Küchenchef Eischnee oder geschlagene Sahne braucht, aber kein Schneebesen, geschweige denn eine Küchenmaschine an Bord ist. Man (der Ingenieur) kann dann mittels Tape, einem Akkuschrauber und einer Gabel einen hervorragend funktionierenden elektrischen Schneebesen bauen:

 

 

 

 

 

 

Und so trat dann immer mehr Routine ein. Tage auf See wurden zu Wochen auf See. Die Tageshöhepunkte waren dann entweder Spinnakersegeln, ein gefangener Fisch oder die tägliche “Mittagslage”, bei der der Skipper die Crew über alle wichtigen Dinge informierte, wie

  • das Etmal der letzten 24 Stunden
  • wie ist unsere Mittagsposition
  • wo liegen wir im Vergleich zu unseren direkten Mitbewerbern
  • wie sind die verschiedenen Wettervorhersagen für die nächsten 24 Stunden und
  • was hat das für Auswirkungen auf den zu steuernden Kurs und zuletzt
  • die täglichen Nachrichten der ARC: Wer ist ausgefallen, hat es irgendwelche Notfälle gegeben usw.

Diese “Lage” wurde zum Ritual, an dem alle sehr interessiert waren.

Und so wechselten sich Abend und Morgen immer wieder ab und die Zahl der wunderschönen Sonnenauf- und Untergänge nahm zu.

 

 

 

 

 

Morgens fanden wir dann öfters Besucher an Deck, die anlässlich einer verirrten Landung an Bord verschieden sind:

Wir haben natürlich auch das als Bereicherung unseres Speiseplans entdeckt, wie nachstehendes Bild zeigt

(kleiner Scherz – bitte nicht für bare Münze nehmen Zwinkerndes Smiley)

Was wir wirklich fingen, war dann doch gewaltiger und ein absolutes Highlight der gesamten Reise. Ein Wahnsinnsfisch biss an –und im Gegensatz zu diversen anderen großen Fischen liess er sich nach längerem Kampf auch wirklich an Bord ziehen und riss sich nicht spätestens beim Hochhieven los. Bis dahin wehrte er sich aber heftig. Eigentlich hätten wir dafür sogar die Segel bergen müssen. Dafür war aber beim Kampf mit dem Vieh keine Zeit, sodass ich beschloss, das Schiff einfach beizudrehen, was dann gut funktionierte.

Unten rechts sieht man den Haken, mit dem der Kerl dann letztlich an Bord gehievt wurde. Als Skipper musste ich da gelegentlich doch sehr auf die Sicherheit der Mannschaft pochen, die da freihändig und ungesichert auf der Badeplattform herumturnen wollte.

 

 

 

 

 

 

 

Und gestatten, ich darf Euch den Rekordfisch dieser Reise vorstellen: Ein White Marlin mit gemessenen 198cm Länge und knapp dreißig Kilo Gewicht. Lars ist mit Recht stolz darauf, ihn aus dem Wasser geholt zu haben – und der größte Teil der Mannschaft half dabei.

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Und so sieht das dann aus, wenn er zum Braten vorbereitet wird:

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Insgesamt haben wir mit neun Leuten an diesem Fisch drei Tage lang gegessen – und zwar meist sogar schier, d.h. ohne Kartoffeln, Gemüse etc. weil er erstens grandios schmeckte und zweitens riesig war. Das gab für jeden Stücke groß wie Steaks.

Wegen der Dauerbraterei haben wir das dann drinnen verzehrt – und der Nachtisch hing ja direkt über uns…

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Der Skipper ist ja auf so einer Reise vielfach gefragt. Neben der Kümmerei um die Navigation und alle anderen schifsstechnischen Belange…

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…ist er auch mitzuständig für die musikalische Bespaßung…

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…und auch das Brotbacken wurde durch ihn erledigt.

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So gingen die Tage herum. Abends wurde dann meist der Spinnaker geborgen, um aus Sicherheitsgründen mit Genua zu fahren ( Es gibt ja die berühmt-berüchtigten Squalls, die kurzfristig mit Regen und Starkwind ihr Unwesen treiben)

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Warm genug war es ja inzwischen auch nachts und so sieht es ja fast schon gemütlich aus

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Und trotzdem ist die Wache nachts um drei Uhr immer ziemlich ungemütlich, aber aufgrund des rotierenden Wachplans kam ja jeder mal dran. Es ist übrigens ganz unterschiedlich, wie die die einzelnen Wachteams diese Nächte in Angriff nahmen. Alles war möglich: Zwei diskutieren drei Stunden ununterbrochen und geben so ihren Beitrag zur Weltrettung. Wieder andere übertreffen sich darin, sich drei Stunden lang gegenseitig anzuschweigen und ihren Gedanken nachzuhängen, was genauso legitim ist.

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Aber irgendwann so nach drei Wochen war es dann soweit: Die Karibik war erreicht und wir bereiteten uns auf den Zieleinlauf in der Rodney Bay auf St. Lucia vor. Erst mal die Karte anschauen und vor allem die St. Lucia Gastlandflagge bereitlegen.

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Irgendwann fiel dem Skipper auch noch rechtzeitig ein, dass wir ja hier nicht in der EU sind, also schnell noch zusätzlich die gelbe Quarantäneflagge heraussuchen.

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Und dann war es endlich soweit: Die Insel kam in Sicht und nach insgesamt 3.220 Seemeilen passierten wir die Ziellinie!

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Und so sieht eine Crew aus, die es nach 23 Tagen geschafft hat:

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Dann noch kurz in den Hafen einlaufen (das war toll – alle Yachten, an denen wir vorbeifuhren, hupten und winkten zur Begrüßung, am Steg stand die Steelband und die ARC-Crew mit dem Begrüßungs-Rumpunsch und dem Früchtekorb). Dann kam noch das offizielle Crew-Ankunftsfoto und die Crew sang das extra für diesen Anlass geschriebene Estrella-Lied zur Belustigung des ganzen Stegs.

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Und ab dann wurde gefeiert –  aber was danach noch kam, kommt dann im nächsten Blog – dieser hier ist ja weiß Gott lang genug geworden.

So stay tuned!

Ach ja, zum Schluss noch eine Bitte Eures Bloggers:Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn es von Euch mehr Feedback geben würde, ob direkt auf dem Blog oder über Facebook und Twitter ist egal. Hauptsache bei Eurem Schreiberling kommt an, dass da draußen das überhaupt jemand liest.

Also ahoi und bis zum nächsten Mal.

Autor: Segelwolf

Als professioneller Skipper habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Neben anderen Aufgaben ermögliche ich auf Mitsegeltörns vielen Segelneulingen, aber auch alten Hasen, die Schönheit des Lebens mit der Natur auf einer Segelyacht zu genießen.

5 Gedanken zu „Atlantikreise 2. Teil“

  1. Hallo Wolf, als Mitsegler kann ich nur sagen, es war eine ganz tolle Reise, die Crew hat sich gut verstanden und unser Skipper hat das super gemacht. Lieber Wolf, schöner Bericht

  2. Hallo Wolf,
    toller, gut geschriebener Bericht, mit schönen Fotos. Hammer, der White Marlin!! Auch eine gute Motivationsunterstützung für mich, nach heute absolvierter SSS-Theorieprüfung weiter am (Anker)Ball zu bleiben. Navigation, Schifffahrtsrecht und Seemannschaft zusammen auf anhieb geschafft, nur beim Wetter hatte ich leider Tiefdruck im Kopf und muss nachsitzen.
    LG, Thomas (vom Estrella SKS-Praxistörn, Rügen, Juli 2017)

  3. Lieber Wolf,
    danke für den sehr schönen Bericht von deiner Atlantiküberquerung mit der großen Crew.
    Als Mitsegler des vorherigen Abschnittes der Überführung der Estrella von Madeira nach Gran Canaria konnte ich ja auch kurz die besondere Atmosphäre der Vorbereitungen zur ARC in Las Palmas erleben. Natürlich habe ich dann morgens vor der Arbeit und am Abend euren Fortschritt bei der Regatta verfolgt und mitgefiebert. Meine Familie und Kollegen erhielten regelmäßige Berichte von eurem Status und der voraussichtlichen Ankunft der Estrella in Rodney Bay.
    Mit Dir als Skipper zu segeln war für mich ein sehr schönes Erlebnis und ich hoffe dass sich dazu bald wieder eine neue Gelegenheit bietet.
    Viele liebe Grüße
    Friedrich

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