Atlantiküberquerung unter Segeln – wie ist das eigentlich?

Wenn ich erzähle, dass ich mit einer Segelyacht über den Atlantik fahre, kommen fast immer dieselben Fragen.

Wie lange dauert eine Atlantiküberquerung? Wie groß muss ein Segelboot dafür sein? Ist das nicht gefährlich? Was macht man eigentlich den ganzen Tag? Und schließlich ziemlich häufig: Kann man da auch mitsegeln?

Ich habe inzwischen so oft den Atlantik unter Segeln überquert, dass eine Atlantiküberquerung für mich nichts Exotisches mehr ist. Trotzdem ist jede anders. Das Wetter ist anders, das Boot ist anders, die Crew ist anders – und auch der Atlantik selbst zeigt sich jedes Mal ein bisschen anders.

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, einmal aufzuschreiben, was eine Atlantiküberquerung auf einem Segelboot tatsächlich bedeutet.

WK August 2026 Azoren

Welche Route nimmt man über den Atlantik?

Die klassische Atlantiküberquerung von Europa in die Karibik führt zunächst auf die Kanaren und von dort weiter nach Westen. Das hat einen guten Grund.

Schon die alten Segelschiffe suchten auf dieser Route den Nordostpassat. Vereinfacht gesagt segelt man zunächst weit genug nach Süden, um in den Bereich der beständigen Nordostpassat-Winde zu kommen, und dann mit diesen Winden nach Westen.

Das berühmte „Nach Süden bis die Butter schmilzt, dann rechts abbiegen und zwei Wochen geradeaus“ beschreibt die Sache zwar etwas sehr vereinfacht, ist aber als Grundidee gar nicht so schlecht.

Für uns bedeutet das: Start auf den Kanaren, dann 2.700 bis 3.000 Seemeilen offener Atlantik und schließlich Landfall irgendwo in der Karibik.

Natürlich gibt es auch andere Atlantikrouten. Und irgendwann muss man ja schließlich auch wieder zurück. Die Atlantiküberquerung von West nach    Ost ist eine völlig andere Geschichte. Sie führt normalerweise erheblich weiter nach Norden.

Und zurück? Atlantiküberquerung von West nach Ost

Die Atlantiküberquerung von der Karibik nach Europa hat einen deutlich schlechteren Ruf als die Reise in die andere Richtung. Ost–West gilt als die angenehme Passatroute, West–Ost dagegen als die schwierige, kalte und wettertechnisch unangenehme Variante.

Ganz falsch ist das nicht. Aber nach meinen Erfahrungen ist es erheblich übertrieben.

Der wesentliche Unterschied liegt zunächst in der Route. Von Europa in die Karibik fahren wir weit nach Süden und suchen den Nordostpassat. Auf   dem Rückweg funktioniert das natürlich nicht. Wir müssen aus der Karibik zunächst nach Norden beziehungsweise Nordosten, um in die  Westwindzone zu gelangen, die uns wieder Richtung Europa bringt.

Eine typische Route führt deshalb aus der Karibik in Richtung Bermuda oder weiter nördlich und anschließend über die Azoren nach Europa. Welche Route tatsächlich sinnvoll ist, entscheidet aber nicht die Linie auf der Seekarte, sondern vor allem die Wetterlage.

Und genau da liegt für mich ein wesentlicher Punkt: Eine West-Ost-Überquerung ist auf keinen Fall automatisch eine wochenlange Prügelei gegen   Wind und Wellen.

Natürlich kann das Wetter anspruchsvoller und wechselhafter sein als auf der Passatroute. Man muss sich intensiver mit den durchziehenden Tiefdruckgebieten beschäftigen und die Route entsprechend planen. Aber man hat eben auch die Möglichkeit, diese Wettersysteme für sich zu nutzen.

Ich habe viele West-Ost-Überquerungen erlebt, die erheblich angenehmer waren, als ihr Ruf erwarten ließ.

Der größte Unterschied zur Passatroute ist für mich deshalb weniger „angenehm gegen unangenehm“, sondern eher beständig gegen wechselhaft. Ost–West kann man über lange Strecken mit ziemlich ähnlichen Bedingungen segeln. West–Ost verlangt mehr Wetterbeobachtung, mehr Entscheidungen und häufiger Veränderungen an Kurs und Segelführung.

Seglerisch kann gerade das ausgesprochen interessant sein.

Ist West–Ost also schwieriger?

Das kommt darauf an, was man unter schwierig versteht.

Wer drei Wochen möglichst gleichmäßig mit dem Passat Richtung Karibik segeln möchte, wird die Ost-West-Route vermutlich als angenehmer empfinden. Wer Hochseesegeln nicht nur als Transport von A nach B versteht, kann an einer West-Ost-Überquerung aber gerade wegen der wechselnden Bedingungen viel Freude haben.

Und noch etwas wird gelegentlich vergessen: Wir fahren heute nicht mehr mit Wetterkarten los, die irgendwann vor der Abfahrt ausgedruckt wurden, und schauen dann, was passiert. Wettermodelle, Satellitenkommunikation und moderne Routenplanung haben die Möglichkeiten auf einer Atlantiküberquerung erheblich verändert.

Sowohl ich als auch meine Kollegen machen ja täglich ein Wetterbriefing mit der Crew. Da geht es darum, wie sich die Lage der Atlantiktiefs entwickelt. Warum? Weil man an die Unterkante dieser Tiefs heran muss, um beständigen Wind von achtern zu haben. Also gibt es auch hier eine (vereinfachende) Regel: Wird der Wind zu stark, fahr ein Stück nach Süden, wird er zu schwach, ein Stück nach Norden. Richtigen Wind von vorn für längere Zeit habe ich in all den Jahren eigentlich nie erlebt.

Das Wetter können wir nicht ändern. Aber wir können heute sehr viel besser entscheiden, wo wir sein wollen, wenn es kommt.

Wie lange dauert eine Atlantiküberquerung mit dem Segelboot?

Das ist eine der häufigsten Fragen – und darauf gibt es keine genaue Antwort. Ein Segelboot fährt schließlich nicht nach Fahrplan.

Für die klassische Überquerung von den Kanaren in die Karibik rechnen wir mit ungefähr drei Wochen. Ein schnelles Boot kann es deutlich schneller schaffen. Bei wenig Wind kann es länger dauern. Auch die gewählte Route, das Wetter und natürlich das Boot spielen eine Rolle.

Wer auf einer Atlantiküberquerung mitsegelt, sollte deshalb vor allem eines mitbringen: Zeit. Einen Rückflug für den Morgen nach dem rechnerischen Ankunftstag zu buchen, halte ich für keine besonders gute Idee. Leider kommt das immer wieder vor.

Wie groß muss ein Segelboot für eine Atlantiküberquerung sein?

Auch diese Frage wird häufig gestellt. Und auch hier ist die Antwort weniger eindeutig, als man vielleicht erwartet.

Menschen haben den Atlantik mit erstaunlich kleinen Booten überquert. Andere fühlen sich erst auf einer 50-Fuß-Yacht einigermaßen wohl.

Entscheidend ist nicht allein die Länge des Bootes. Viel wichtiger sind sein Zustand, seine Ausrüstung, seine Seetüchtigkeit und eine vernünftige Vorbereitung.

Ein großes Boot ist nicht automatisch ein sicheres Boot.

Ich selbst bin sowohl auf Einrumpfyachten als auch auf Katamaranen auf dem Atlantik unterwegs gewesen. Beide Konzepte haben ihre Eigenheiten. Für einen Mitsegler, der mehrere Wochen an Bord lebt, spielen dabei nicht nur die Segeleigenschaften eine Rolle. Platz, Privatsphäre und das Leben an Bord werden spätestens nach einigen Tagen ebenfalls ziemlich wichtig. Und da kommen die Katamarane ins Spiel. Sie bieten aufgrund ihrer Konstruktion so viel Platz und Komfort, wie man es bei Einrumpfyachten erst auf deutlich längeren Booten findet.

Ist eine Atlantiküberquerung gefährlich?

Natürlich gibt es auf dem Atlantik Risiken. Wer behauptet, eine Hochseereise sei völlig ungefährlich, erzählt Unsinn. Das gilt schließlich auch für den Straßenverkehr. Aber eine Atlantiküberquerung ist auch kein permanenter Kampf ums Überleben.

Eine gut vorbereitete Yacht, vernünftige Wetterplanung, funktionierende Technik und eine Crew, die weiß, was sie tut, machen aus einer Atlantiküberquerung eine ziemlich normale Hochseereise.

Das bedeutet allerdings nicht, dass immer alles angenehm ist.

Es gibt Starkwind. Es gibt hohe Wellen. Irgendetwas geht fast immer kaputt. Und manchmal ist schlicht und einfach tagelang schlechtes Wetter, auch wenn das auf den Routen, wo wir fahren, doch ziemlich selten ist.

Was macht man drei Wochen lang auf dem Atlantik?

Das ist vielleicht die interessanteste Frage.

Am Anfang braucht eine Crew meistens einige Tage, bis sich der Bordrhythmus eingespielt hat. Wir fahren Wachen. Das bedeutet: Rund um die Uhr ist jemand verantwortlich für das Boot, beobachtet Wetter, Verkehr und Segel und schaut, ob alles so läuft, wie es soll.

Dazwischen wird geschlafen, gekocht, gegessen, Brot gebacken, gelesen, geredet, Tagebuch geschrieben und manchmal auch repariert.

Und dann gibt es diese Stunden, die man an Land kaum erklären kann.

Nachts Wache zu gehen, rundherum nichts als das Meer, über einem ein übervoller Sternenhimmel ohne jedes Streulicht und irgendwo hinter dem Horizont die anderen Schiffe – falls überhaupt welche da sind. Das sind einmalige Erlebnisse, an die sich die Mitsegler noch jahrelang erinnern.

Und noch etwas: Ich habe auf solchen Nachtwachen übrigens erstaunlich viel gearbeitet und geschrieben. Der Atlantik kann ein ziemlich guter Arbeitsplatz sein.

Nach einigen Tagen verliert der Wochentag seine Bedeutung. Das Leben wird erstaunlich einfach. Essen, schlafen, Wache gehen, segeln. Irgendwann wird aus der außergewöhnlichen Situation Alltag.

Und dann taucht eines Morgens nach Wochen auf See tatsächlich wieder Land am Horizont auf.

Diesen Augenblick habe ich auch nach vielen Atlantiküberquerungen nicht satt.

Kann man bei so einer Atlantiküberquerung mitsegeln?

Ja.

Man muss dafür weder ein Hochseesegler mit jahrzehntelanger Erfahrung sein noch Tausende Seemeilen im Logbuch haben. Wie manche andere auch nehmen wir z.B. gerne einen gewissen Prozentsatz an Anfängern mit. Man muss ihnen vorher klar erklären, was die Rolle und die Aufgabe eines Mitseglers ist, was die Anforderungen eines engen Zusammenlebens für mehrere Wochen sind und dass eine gewisse körperliche Fitness unabdingbar ist.

Aber eine Atlantiküberquerung ist auch keine Kreuzfahrt.

Wer mitsegelt, ist Teil der Crew. Dazu gehören Wachen, Mithilfe beim Segeln, Kochen, Abwaschen und all die anderen Dinge, die auf einem Boot eben gemacht werden müssen. Eine gewisse körperliche Fitness ist schon eine Voraussetzung.

Vor allem sollte man vorher wissen, worauf man sich einlässt.

Drei Wochen auf einem Boot kann man nicht einfach aussteigen, wenn einem die Mitsegler nach fünf Tagen auf die Nerven gehen. Die nächste Autobahnraststätte ist ziemlich weit weg.

Deshalb halte ich es für wichtig, dass Skipper und Mitsegler vorher miteinander sprechen und einigermaßen wissen, mit wem sie die nächsten Wochen verbringen werden.

Segelerfahrung kann man lernen. Ob Menschen miteinander auskommen, ist manchmal die schwierigere Frage. Aber da ist dann gelegentliche Moderationsfähigkeit des Skippers gefragt. Und nach meiner Erfahrung ist das Konfliktpotential bei den Kurztörns im Mittelmeer oder auf der Ostsee deutlich größer. Wenn man weiß, man muss die nächsten drei Wochen miteinander auskommen, halten sich so gut wie alle schon mehr zurück.

Was kostet eine Atlantiküberquerung zum Mitsegeln?

Auch dafür gibt es keinen einheitlichen Preis.

Es gibt private Crews, die lediglich die Bordkosten teilen. Es gibt Kojencharter, professionelle Veranstalter und alles Mögliche dazwischen. Dazu kommen je nach Angebot Anreise, Rückflug, Bordkasse und persönliche Ausgaben.

Deshalb lohnt sich ein genauer Blick darauf, was im jeweiligen Preis tatsächlich enthalten ist.

Der billigste Preis ist bei drei Wochen mitten auf dem Atlantik jedenfalls nicht unbedingt das wichtigste Auswahlkriterium.

Man sollte auch nicht vergessen, dass Sicherheit auf einem Boot Geld kostet! Das betrifft insbesondere die gewerblichen Veranstalter, die zum Teil deutlich höhere Sicherheitsanforderungen erfüllen müssen als der private Eigner, der eine Koje anbietet. Ich selbst würde auf keinem Boot mitfahren, wo nicht erkennbar ist, dass für den Skipper die Schiffssicherheit ein hohes Gut ist.

Atlantiküberquerung auf einem Katamaran

In den vergangenen Jahren bin ich zunehmend auf Katamaranen unterwegs.

Gerade bei langen Reisen bietet ein Katamaran einiges, was man nach zwei oder drei Wochen auf See durchaus zu schätzen weiß: mehr Platz, getrennte Lebensbereiche und meist erheblich mehr Bewegungsfreiheit als auf einer vergleichbar langen Einrumpfyacht.

Das macht aus dem Boot auf dem Atlantik allerdings kein schwimmendes Hotel.

Auch auf einem Katamaran bleibt eine Atlantiküberquerung eine Hochseereise. Die Crew fährt Wachen, arbeitet mit und lebt für einige Wochen gemeinsam auf engem Raum.

Und genau das gehört für mich dazu.

Wer diesen Herbst selbst mitsegeln möchte: Vom 18. Oktober bis zum 15. November 2026 bringen wir eine Lagoon 46 von Teneriffa nach Martinique. Die Einzelheiten zu Route, Schiff, Voraussetzungen und Preisen findet Ihr hier: Atlantiküberquerung 2026 – Mitsegeln von Teneriffa nach Martinique.

Warum fährt man überhaupt mit einem Segelboot über den Atlantik?

Darauf habe ich eigentlich keine vernünftige Antwort.

Mit dem Flugzeug geht es schneller. Es ist bequemer. Und es ist sogar billiger.

Aber nach drei Wochen Atlantik kommt man anders in der Karibik an als nach neun Stunden im Flugzeug.

Man hat die Entfernung tatsächlich zurückgelegt. Nicht in Kilometern auf einem Bildschirm, sondern Tag für Tag und Seemeile für Seemeile. Eines der Highlights für die Crew ist zum Beispiel, jeden Mittag das Etmal festzustellen und einzutragen: Wie viele Seemeilen haben wir in den letzten 24 Stunden zurückgelegt, um wie viel sind wir unserem Ziel näher gekommen? Haben wir unseren Geschwindigkeitsrekord geknackt? Das hat man im Flieger eben nicht.

Europa verschwindet langsam hinter einem. Dann gibt es lange Zeit nur noch Wasser. Und irgendwann taucht vor einem die erste Insel der Karibik auf.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich immer wieder losgefahren bin.

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